Grasse wurde nicht wegen der Blumen zur Hauptstadt des Parfüms, sondern wegen des Leders. Im 16. Jahrhundert war die Stadt in der Provence ein Zentrum der Lederverarbeitung. Die Gerbereien stanken unerträglich, deshalb begannen die Handwerker, den Geruch durch das Parfümieren des Leders zu bekämpfen.
Grasse in Kürze
Beginn: 16. Jahrhundert, Lederhandwerk in der Provence
Wendepunkt: Parfümierte Handschuhe als Statussymbol am französischen Hof
Warum gerade dort: Mikroklima, das Jasmin, Rose, Tuberose und Lavendel begünstigt
Ernte: von Hand, Jasmin wird vor Sonnenaufgang gepflückt
Heute: weiterhin Sitz wichtiger Hersteller von Duftstoffen
UNESCO: 2018 als immaterielles Kulturerbe eingetragen
Vom Gestank zur Industrie
Die Lösung war ebenso pragmatisch wie folgenreich: Man begann, Leder zu parfümieren. Duftende Handschuhe wurden am französischen Hof zu einem Statussymbol, und die Handwerker aus Grasse mussten plötzlich verstehen, wie man mit Essenzen arbeitet. Als die Nachfrage nach Leder später zurückging, blieb das Wissen erhalten – und mit ihm eine ganze Generation von Handwerkern, die auf das Parfümieren spezialisiert waren. Aus einer Nebentätigkeit wurde das Hauptgeschäft.
Warum gerade dort
Das Mikroklima der Region war der zweite glückliche Umstand: mild, windgeschützt und mit ausreichend Wasser. Jasmin, Mairose, Tuberose und Lavendel gedeihen hier besser als fast überall sonst in Europa. Wer Blütenessenzen wollte, kam an Grasse nicht vorbei.
Die Ernte war und ist Handarbeit. Jasminblüten müssen vor Sonnenaufgang gepflückt werden, da sie danach an Intensität verlieren. Für nur ein Kilogramm Jasminabsolue braucht man mehrere hunderttausend Blüten – ein Grund dafür, warum echte Rohstoffe aus Grasse bis heute zu den teuersten der Branche zählen.
Was davon heute geblieben ist
Die großen Anbauflächen sind seit Langem zurückgegangen, viele Essenzen stammen heute aus Ägypten, Indien oder Bulgarien. Trotzdem haben in Grasse und Umgebung weiterhin mehrere der weltweit wichtigsten Hersteller von Duftstoffen ihren Sitz, und einige Luxusmarken reservieren ganze Felder ausschließlich für sich.
2018 nahm die UNESCO die Parfümeurkunst aus Grasse in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf – ausdrücklich nicht das Produkt, sondern das Wissen: Anbau, Extraktion und die Ausbildung von Parfümeuren.
Häufig gestellte Fragen
Warum wurde Grasse zur Hauptstadt des Parfüms?
Im 16. Jahrhundert war die Stadt ein Zentrum der Lederverarbeitung. Das Parfümieren von Leder, um unangenehme Gerüche zu überdecken, entwickelte sich allmählich zu einem eigenständigen Handwerk.
Warum gelten Blumen aus Grasse weiterhin als besonders wertvoll?
Das Mikroklima ermöglicht es Jasmin, Rose, Tuberose und Lavendel, hier besser zu gedeihen als in den meisten Teilen Europas, während die Ernte ausschließlich von Hand erfolgt.
Was hat die UNESCO 2018 unter Schutz gestellt?
Nicht das Produkt selbst, sondern das Parfümeurwissen von Grasse: der Anbau von Blumen, die Extraktion von Essenzen und die Ausbildung von Parfümeuren.