Eichenmoos und IFRA: Warum alte Parfüms anders riechen

Illustrationsfoto: Eichenmoos als Parfümerierohstoff neben Probengefäß und Pinzette.

Eichenmoos selbst ist nicht verboten, sondern zwei darin enthaltene Moleküle: Atranol und Chloratranol. Beide gehören zu den stärksten Kontaktallergenen in Kosmetika, und die EU hat sie mit einer Verordnung von 2017 aus dem Verkehr gezogen. Hersteller nutzen heute gereinigte Extrakte, in denen beide Stoffe kaum noch vorkommen. Das hat die Düfte spürbar verändert.

Eichenmoos und IFRA auf einen Blick

Verbotene Stoffe: Atranol und Chloratranol

Rechtsgrundlage: EU-Kosmetikverordnung Nr. 1223/2009

Zeitraum: Inverkehrbringen ab August 2019, Verkauf ab August 2021 untersagt

Betroffene Duftfamilie: Chypre (seit 1917)

Ersatzstoffe heute: Evernyl, Veramoss, Patchouli, Vetiver

Eichenmoos ist kein Moos

Es handelt sich um die Flechte Evernia prunastri, die auf Eichenrinde wächst. Gesammelt wird sie vor allem auf dem Balkan und in Mitteleuropa und zu einem Absolue verarbeitet.

Sie riecht wie ein Wald nach Regen: feuchte Erde, Rinde, trockene Bitterkeit und ein Hauch von Tinte. In der Parfümerie hält sie die Basis zusammen und verleiht einem Duft eine Tiefe, die synthetische Stoffe lange nicht nachbilden konnten.

Eine ganze Duftfamilie baut darauf auf

Chypre entstand 1917, als François Coty einen Duft auf dem Dreiklang aus Bergamotte, Labdanum und Eichenmoos aufbaute. Nach diesem Gerüst richteten sich Dutzende Klassiker.

Guerlain Mitsouko, Miss Dior oder Aromatics Elixir sind allesamt Chypre-Düfte. Ohne Moos hält die Struktur weniger gut zusammen, weil die untere bittere Schicht fehlt.

Was zwischen 2017 und 2021 passierte

Der wissenschaftliche Ausschuss der EU-Kommission stufte Atranol und Chloratranol als besonders starke Allergene ein. Es folgte eine Verordnung, die entsprechende Produkte ab August 2019 nicht mehr in Verkehr bringen und ab August 2021 nicht mehr verkaufen ließ.

Die Marken hatten zwei Optionen: auf den gereinigten Extrakt umstellen oder das Moos ganz ersetzen. Die meisten taten beides und schrieben bei der Gelegenheit auch den Rest der Rezeptur um.

Woran du es am Duft merkst

Neue Chypre-Versionen sind sauberer, heller und weniger bitter. Die schmutzige, erdige Schicht, die den älteren Duft schwer machte, ist verschwunden.

Wer den Duft aus den Neunzigern im Gedächtnis hat, hält die neue Version oft für schwächer. Schwächer ist sie nicht, ihr fehlt nur diese eine Schicht.

Was heute an die Stelle tritt

Synthetische Moleküle wie Evernyl oder Veramoss, die nach trockener Rinde und Tinte riechen. Ergänzt werden sie mit Patchouli, Vetiver und weiteren erdigen Rohstoffen.

Das Ergebnis kommt nah heran, ist aber nicht identisch. Das originale Absolue enthält Dutzende Bestandteile auf einmal, die Synthetik ersetzt meist nur einen oder zwei davon.

Es ist nicht nur das Moos

Auf demselben Weg verschwand Lyral, ein synthetisches Maiglöckchen-Allergen, und 2022 auch Lilial. Beschränkungen gelten ebenso für Cumarin, Birkenteer und Nitromoschus.

Die aktuelle Standardliste führt die IFRA, der rechtliche Rahmen steht in der EU-Kosmetikverordnung Nr. 1223/2009 auf EUR-Lex. Diskussionen zu einzelnen Reformulierungen findest du auf Basenotes.

Aktuelle Chypre-Kompositionen aus Nischendüften zeigen, wie Marken die Lücke heute füllen.

Häufige Fragen

Ist Eichenmoos in der EU verboten?
Nein. Verboten sind Atranol und Chloratranol. Der gereinigte Extrakt darf in begrenzter Menge verwendet werden.

Ist eine alte Flasche vom Flohmarkt gefährlich?
Für die meisten nicht. Das Risiko betrifft Menschen mit Kontaktallergie. Probiere beim ersten Mal eine kleine Stelle.

Wie finde ich heraus, ob mein Duft reformuliert wurde?
Vergleiche den Batchcode mit dem Produktionsjahr und lies Diskussionen auf Basenotes. Betroffen sind vor allem Düfte, die älter als fünfzehn Jahre sind.

Gibt es heute noch echte Chypres?
Ja. Nischenmarken bauen sie auf Patchouli und synthetischen Ersatzstoffen auf, und das Ergebnis kommt dem Original nahe.